Die Flugbahnstory 5: Der Schienenzeppelin

In Fachkreisen galt die vorherrschende Meinung, hohe Geschwindigkeiten mit der Eisenbahn benötigten zu viel Energie, um jemals rentabel zu sein. Nach der Präsentation des Hängeschnellbahnwagens, wollten die Ingenieure der G. f. V. das Gegenteil beweisen und ihren Flugbahnwagen auf konventionelle Schienen stellen. Er musste nicht nur schneller, als die Eisenbahn sein, sondern durch Energieeinsparungen auf Dauer lukrativer.

Kruckenberg holte seine Aufzeichnungen hervor, die er in Amerika angefertigt hatte. Stedefeld kümmerte sich um eine Teststrecke, die er auf einem acht Kilometer langen Teilstück zwischen Hannover und Celle fand. Auch die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt meldete ihr Interesse an dem Teilstück an, und so kam man überein, gemeinsam zu forschen. Die Versuchsanstalt erhoffte sich dadurch Einblicke in den Fahrzeugbau der Heidelberger Ingenieure.
Für den Bau des Flugbahnwagens gründete Kruckenberg 1928 die „Flugbahngesellschaft m.b.H.“ und zog mit den Ingenieuren nach Hannover. 1929 fanden bereits erste Fahrten mit einem einfachen Wagen der Versuchsanstalt statt, um einen Propellerantrieb zu erproben. Schon jetzt erreichte man auf der Teststrecke 175 Stundenkilometer und ist hoch zufrieden.
Der Dieselmotor, die Generatoren und elektrischen Fahrmotoren von Siemens-Schuckert und schließlich die zerlegten Teile des Hängeschnellwagens aus Cavembourg treffen kurz darauf im Reichsbahn-Ausbesserungswerk in Leinhausen ein. Dort hatte man eine Halle für den Bau des Flugbahnwagens reserviert, der nun Gestalt annahm.

 

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30. August 1930 Hannover-Leinhausen. Der Kruckenberg’sche Propellerwagen: Die Leichtbauweise des filigranen Rohrgerüsts erinnert an ein Starrluftschiff. Viele Teile mussten von Hand angefertigt werden. Die Luftschraube stammt aus dem Propellerwerk Heine und ist aus Eschenholz. Foto: Wikipedia, gemeinfrei
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Im Inneren des Propellerwagens. Die Sitze und Hutablagen wirken spartanisch. Die Lochreihe in der Decke dient der Belüftung. Foto: Wikipedia, gemeinfrei

Im August 1930 konnte man ihn aufgleisen und motorisieren. Erste Testfahrten auf dem Betriebsgelände folgten. Mit einer Gesamtlänge von 25,85 Meter und einem Achsstand von 19,6 Meter, musste der Fahrzeugführer, um auch Gleisbögen von 150 Metern langsam durchfahren zu können, die beiden Achsen von Hand radial einstellen. Bis auf die Frontpartie aus Blech war die Außenhülle aus feuerfest imprägniertem Segeltuch. So wog der Wagen 18,6 Tonnen. Die Arbeiter im Betriebswerk geben dem Wagen schnell den Spitznamen „Schienenzeppelin“, denn das große Luftschiff „Graf Zeppelin“ hatte 1930 mit seiner Weltumrundung, der Arktisfahrt und dem Liniendienst nach Südamerika noch einmal für Bewunderung gesorgt.
Auf der acht Kilometer langen Teststrecke erreicht der Flugbahnwagen (wie er von den Ingenieuren weiterhin genannt wird) bereits 185 km/h – für noch höhere Geschwindigkeiten war das Teilstück zu kurz.

Würde er, richtig ausgefahren, den bisherigen Rekord einer Lokomotive von 210 km/h schlagen?

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Der Schienenzeppelin auf der Teststrecke
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Den bisherigen Schnelligkeitsrekord hielt seit 1903 mit 210 km/h die Studiengesellschaft für elektrische Schnellbahnen (St.e.S) mit diesem elektrischen Drehstromwagen der AEG. Die Motoren benötigten dafür eine Leistung von 2200 kW aus der Oberleitung. Das Aggregat des Schienenzeppelins hatte eine Leistung von 405 kW/550 PS.

Übrigens: Die Ingenieure der Flugbahngesellschaft waren nicht die ersten, die ein Propellerfahrzeug auf die Schienen stellten:

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Bereits 1919 baute Luftfahrtingenieur Dr. Otto Steinitz den experimentellen Propellertriebwagen „Dringos“. Das unzureichende Fahrwerk und mangelhafte Bremsen erlaubten nur 60 km/h Höchstgeschwindigkeit.
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1921 konstruierte Valerian Abakovsky einen weiteren Propellerwagen in Russland. Er erreichte Geschwindigkeiten von bis zu 140 km/h. Am 24. Juli 1921 verunglückte der Wagen auf einer Testfahrt von Moskau nach Tula, als die Maschine bei hoher Geschwindigkeit entgleist und einen Hang hinunter stürzt. Sechs der 22 Mitreisenden, darunter auch der 25-jährige Erbauer, sterben dabei.

Fortsetzung folgt: Hinters Licht geführt…

 

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