Die Flugbahnstory 8: Die Rekordfahrt

 

Alle Vorbereitungen sind getroffen, als am Samstag, den 20. Juni 1931 der Propellertriebwagen von Leinhausen über Uelzen und Lüneburg Richtung Hamburg fährt. Ab Bergedorf soll es am nächsten Morgen dann in Rekordzeit nach Berlin gehen. Die Strecke Hamburg – Berlin galt als eine der schnellsten der Reichsbahn: 1849 fertiggestellt, fast schnurgerade und ohne nennenswerter Steigung. Die Sicherheitsvorkehrungen entlang der Strecke sind die selben, wie auf der Fahrt zwischen Plockhorst und Lehrte. Diesmal nur noch früher. Die Fahrt am frühen Morgen hat so nur wenig Auswirkungen auf den planmässigen Bahnbetrieb und die Reichsbahn hofft, dass noch nicht allzu viele Schaulustige unterwegs wären.

Am Sonntag früh, den 21. Juni 1931 um 3 Uhr 27 geht es los. Zusammen mit den Flugbahn-Ingenieuren sind heute auch Kruckenbergs Frau Marie, die Monteure Griesinger und Reusche, und als Ehrengast der Leiter der Königlich-Cavembourgische Dampflokmanufaktur Konrad Dressler mit an Bord. Die Reichsbahn hatte ihren Beamten wegen sicherheitstechnischen Bedenken eine Mitfahrt nicht gestattet. Black bedient wieder die Fahrinstrumente. Man hat ein Streckenbuch dabei, damit ein Ingenieur die Kilometersteine und Ortsangaben ablesen und ein anderer das vorgeschriebene Tempo an den Lokführer weitergeben konnte. Black steuert den Propellerwagen wie einen Kraftwagen: Vor den Kurven abgebremst, um dann sogleich wieder zu beschleunigen.

Zunächst geht es gemächlich durch die hanseatischen Vororte. Dann, auf freier Strecke, pendelt die Tachonadel schon auf die 180 zu. Die mecklenburgischen Bahnhöfe hinter sich lassend, erreicht man das schnurgerade Teilstück zwischen Karstädt und Dergenthin, das Höchstgeschwindigkeiten erlaubt. Black dreht voll auf. 200 km/h sind bald erreicht, das Tempo klettert weiter, dann 230 km/h über 15 Sekunden: Rekord!

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Bild 1: Zeitungsreporter folgen dem Schienenzeppelin mit einem Propellerflugzeug Foto: Pinterest CC BY-SA 3.0
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Bild 2: Mit 230 km Stundengeschwindigkeit rast der Schienenzeppelin, stürmisch bejubelt, kurz hinter Staaken am 21. Juni 1931, 5 Uhr morgens, seinem Ziele dem Hauptbahnhof in Spandau zu. Foto: Wikipedia

„250 wären wahrscheinlich drin gewesen“, wird Kruckenberg den Journalisten am Spandauer Bahnhof später berichten. Doch egal: So schnell war kein Schienenfahrzeug zuvor.
Hinter Büchen muss die Geschwindigkeit gedrosselt werden. Es folgen ein paar enge Radien, noch sind es 126 Kilometer bis Berlin. Je näher man der Hauptstadt kommt, desto mehr Schaulustige finden sich entlang der Strecke ein. Um 5 Uhr 05, nach 98 Minuten, erreicht man das Ziel Spandau West. Hier steigt ein ortskundiger Lotse der Reichsbahn hinzu und nach einem kurzen Halt geht es nach Spandau Hauptbahnhof. Um 5 Uhr 37 Weiterfahrt zum Bahnhof Heerstraße, um dann rückwärts in den Bahnhof Rennbahn-Stadion-Grunewald einzurollen. Man baute eine kleine Zelthalle um den Wagen nachts unterstellen zu können und eine Fußgängerbrücke über die Gleise, damit der Besucherstrom möglichst komfortabel an den Propellerwagen herantreten kann.
„Ein neues Zeitalter im Verkehr“, jubelt das Hamburger Fremdenblatt, dessen Reporter dem Schienenzeppelin per Flugzeug gefolgt war. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von „157 km/h ist kolossal – Schienenzepp‘ schneller als Flugzeug!“, meint die Berliner Zeitung. Kruckenberg genießt den Presserummel, endlich kann er einen Erfolg verbuchen.

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Bild 3: Originale Bildunterschrift – Der Schienenzeppelin in Berlin! Technik von gestern und heute. Ein Schnellzug auf dem Wege nach Hamburg passiert auf dem Spandauer Hauptbahnhof den soeben eingetroffenen Schienenzeppelin. Foto: Wikipedia
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Bild 4: Aus dem Tagesbote aus Brünn vom 22.6.1931: Glänzende Probefahrt des Schienenzeppelins 230 Kilometer Höchstgeschwindigkeit
Berlin, 21. (C.B.) In Bergedorf bei Hamburg ist heute um 15.27 Uhr (sic) der Kruckenberger Schienenzeppelin gestartet, der um 17.11 Uhr (sic) in den Berliner Hauptbahnhof (sic) einfuhr. Er hat die 271 Kilometer lange Strecke in 1 Stunde und 44 Minuten zurückgelegt, Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 170 Kilometer und die größte Geschwindigkeit 230 Kilometer in der Stunde. An Betriebsstoff wurden 185 Liter, d.h. etwa 70 Liter für 100 Kilometer oder die doppelte Menge des Betriebstoffes eines stärkeren Motorwagens, verbraucht. Ein Motorwagen würde aber mit Geschwindigkeiten von 60 bis 70 Kilometer fahren und würde 4 bis 6 Personen befördern, während der Schienenzeppelin mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 100 Kilometer fährt und 24 bis 40 Personen befördert. Der letzte Rekord von 214 Kilometer in der Stunde, den Reichelt im Jahre 1903 mit seinem Schienenwagen erreichte, wurde also heute überboten.“
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Bild 5: Der Propellerwagen bei der Einfahrt in Spandau Foto: Wikipedia

Wegen des großen Publikumsandrangs und dem anhaltenden Interesse der Zeitungen bleibt der Propellerwagen noch vier Tage in Berlin. Zehntausende kommen nach Rennbahn-Grunewald, um den Wagen zu bestaunen.

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Bild 6: In Berlin-Grunewald wird der Propellerwagen der Berliner Bevölkerung gezeigt. Foto: Wikipedia

Die Ingenieure organisieren eine Rundreise, die den Schienenzeppelin über Potsdam und Magdeburg wieder nach Hannover, anschließend über Paderborn, Hagen und Elberfeld nach Düsseldorf führt. Die Fahrtgeschwindigkeit ist zwar nach den Schnellzugfahrplänen für Dampfloks berechnet und liegt bei höchstens 100 km/h, doch überall wird der Wagen begeistert empfangen. Die Menschen strömen an den Bahndamm, wo auch immer der Flugbahnwagen vorüber saust.
In Düsseldorf werden sie von den Flugbahngesellschaftern und den Freunden des Flugbahngedankens begeistert begrüßt. Am 28. Juni geht es über Duisburg und Hamm zurück nach Hannover.

Auch wenn die Fahrleistungen des Wagens überzeugen, es liegen noch Wochen intensiver Arbeit vor den Ingenieuren. Der Rekord wird mehr als 20 Jahre lang halten.

Film: Ein paar Impressionen aus den Tagen der Rekordfahrt. Man beachte: Auch wenn es Original-Wochenschau-Aufnahmen sind, konnte man die Abfahrt aus Hamburg-Bergedorf wegen den schlechten Lichtverhältnissen nicht filmen (3 Uhr morgens). Die Aufnahmen wurden nachgestellt und zeigen die Abfahrt des Wagens an der Teststrecke in Leinhausen. Ausschnitte: Youtube

 

Ergänzung:

Am 21.2.1954 erreichte die französische Staatsbahn mit der Elektrolokomotive CC 7121 den neuen Geschwindigkeitsrekord auf Schienen mit 243 km/h.

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Bild 7: Die CC 7121 steht heute im Eisenbahnmuseum Nimes. Bild: Wikipedia

Fortsetzung folgt: Keine Zukunft in Deutschland

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