Das luxemburger Volksreferendum 1919 und die „Cavembourger 2L-Depesche“

Der Versailler Vertrag beendete den Deutschen Zollverein und damit auch die enge wirtschaftliche Verbindung Luxemburgs zum Deutschen Reich. Cavembourg war kein Mitglied im Zollverein gewesen, die cavembourgische Regierung unter Ministerpräsident Karsten von Tamms (DCC), sah nun aber eine Chance neue Partnerschaften zu schmieden. Von Tamms strebte ein wirtschaftliches „Bündnis der kleinen Länder“ mit Belgien und Luxemburg an, um wirtschaftlich ein stärkeres Gewicht gegenüber den beiden großen Nachbarn Frankreich und Deutschland zu haben.

Am 28. September 1919 kommt es zum Volksreferendum in Luxemburg, bei dem die Luxemburger nicht nur über die zukünftige Staatsform des Fürstentums entscheiden sollen (Monarchie oder Republik), sondern auch über die wirtschaftliche Richtung: mit Frankreich oder ein Bündnis mit Belgien und Cavembourg.
Die cavembourgische Regierung versuchte dabei Einfluss auf das Wahlverhalten der Luxemburger zu nehmen (siehe Plakat).
Das Ergebnis des Referendums war, die Monarchie in Luxemburg blieb beibehalten (was im Interesse Cavembourgs war), wirtschaftlich wollte man sich aber Frankreich anschließen (was nicht im Interesse Cavembourgs war). Als Reaktion auf dieses Ergebnis schrieb Von Tamms an den französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau eine geheime Diplomatendepesche, die schließlich eine Staatskrise in Luxemburg auslöste.

Plakat: „Gemeinsam stark! Fort ensemble!“ Mit diesem Propagandaplakat warb Cavembourg im Nachbarland Luxemburg im Vorfeld des Referendums für eine gemeinsame Wirtschaftsunion. Und wie soll es anders sein: mit einer Lokomotive!

Clemenceau war linksradikaler Sozialist und lehnte die nun durch das Volksreferendum demokratisch legitimierte Monarchie in Luxemburg kategorisch ab. Diesen Umstand nutzte von Tamms und schrieb in der geheimen Depesche, die später als „Cavembourger 2L-Depesche“ in die Geschichte eingehen sollte, an den Franzosen:

„…eine Verbindung zu Monarchie und Adelsgeschlecht, sei sie auch nur im wirtschaftlichem Sektor, könne eine junge Republik zerfransen und bedrohen. Die alten Verbindungen können erstarken, die Landsherren und Grafen gewichtig werden. Ein kleines Land säugte an Frankreichs Brust, eine leere Hülle hinterlassend….Zwei Länder in innerer Verdammnis verbunden, oder 3 Länder im Hinterhof sich selbst überlassen. 2L im parasitären Bund oder 3L im steten Ringen – 2L oder 3L?… „

Von Tamms erwähnte zwar mit keinem Wort, welches L(-and) er meinte, unverhohlen und mit wenig diplomatischem Geschick beschrieb er aber ein Zerrbild des benachbarten Fürstentums. Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht: Zum Entsetzen der Luxemburger lehnte Frankreich schließlich eine wirtschaftliche Verbindung mit Luxemburg ab. Die luxemburgische Regierung musste, gegen den Willen des Referendums, Gespräche mit Belgien und Cavembourg aufnehmen. 1922 ratifizierte es die UEBLC, die Belgisch-Luxemburgisch-Cavemburgische Wirtschaftsunion. Luxemburg und Cavembourg erkannten den belgische Franc als Zahlungsmittel an, im Königreich verdrängte er den cavembourgischen Thaler vollständig. Die UEBLC gilt als Vorläufer der 1944 gegründeten Beneluxca-Wirtschaftsunion.

Als der Skandal um die Depesche wenig später publik wurde, musste sich Königin Paula I. beim luxemburgischen Volk für die Einflussnahme ihrer Regierung offiziell entschuldigen. In ihrer Rede vor der luxemburgischen Abgeordnetenkammer, dem Chambre des Députés, sagte sie:

„Scham an Demuth sinn ech virun eis Schwësteren a Bridder an eisem Nopeschland a freet mech fir Verzeiung. Mäi Volk an mäi Räich sinn indeschktiv mat der Lëtzebuerger Natioun verbonne mateneen an eis natierlecht Frëndschaft soll net méi sou engem Test sinn. Mir gi mat Lëtzebuerg, oder mir ginn ënner“

„…mit Scham und Demut trete ich vor unsere Schwestern und Brüder unseres Nachbarlandes und bitte um Vergebung. Mein Volk und mein Königreich ist untrennbar mit der luxemburgischen Nation verknüpft und unsere natürliche Freundschaft soll nie wieder auf eine derartige Probe gestellt werden. Wir gehen mit Luxemburg, oder wir gehen unter.“


Da die luxemburgische Großherzogin Charlotte wusste, dass Königin Paula I. aus Altersgründen abtreten wollte, nutzte sie die Gelegenheit, um bei der Königin für ihre cavembougische Freundin Siegfriede von Trix als Nachfolgerin ein gutes Wort einzulegen – mit Erfolg, wie sich herausstellen sollte.

Foto: Großherzogin Charlotte von Luxemburg, 1919

Politisch stabil konnte sich Cavembourg nun auf hohem Niveau weiter entwickeln. Zwar gab es keine Schwerindustrie, doch im Fahrzeug- und Maschinenbau, dem internationalen Transportwesen und der Zulieferindustrie für die Kohle- und Stahlreviere in der Region, baute das Land seine europäische Spitzenposition weiter aus. Kulturell brach mit den „Goldenen Zwanzigern“ eine Blütezeit an, die lang und ausgeprägt war.
Dann kam die Weltwirtschaftskrise.

 

 

Ein Werbefilm der SRCF: Güter Waren + Transporte von 1921:

 

Fortsetzung folgt: Die Weltwirtschaftskrise

2 Kommentare zu „Das luxemburger Volksreferendum 1919 und die „Cavembourger 2L-Depesche“

  1. Aus dem Stummiforum:
    Hoffentlich ist es ok, wenn ich auch etwas zur Cavembourger Technikgeschichte beitrage. Falls nicht, sagt es mir bitte.

    Ist es Euch im Werbefilm der SRCF von 1921 auch aufgefallen: So etwa bei 0:35 wird da ein Flugzeug transportiert. Dieses Flugzeug muss für die damalige Zeit hochmodern gewesen sein. Ich möchte mal schauen, was ich zu diesem Flugzeug herausfinden kann. Folgende Dinge sind mir aufgefallen:
    – Die Maschine ist ein Eindecker, und zwar ein Tiefdecker
    – Die Form ist sehr stromlinienförmig
    – Rumpf und Flügel sind sehr hell; das könnte bedeuten, dass die Haut aus Metall besteht
    – Der Vorderrumpf vor dem Cockpit ist sehr lang, und der Propeller recht hoch angesetzt
    – Das Fahrwerk zeigt eine für die starren Fahrwerke der damaligen Zeit merkwürdige Struktur.

    Soweit die Beobachtungen, nun will ich versuchen, dies zu erklären. Ich fange mal mit dem Tiefdecker an: Eine solche Maschine hat Junkers als Junkers DI bereits 1918 gebaut https://de.wikipedia.org/wiki/Junkers_D.I. Wie man in dem Link sieht, war dieses Flugzeug aber alles andere als stromlinienförmig. Die Maschine hatte wohl auch die Junkers-typische Wellblechbeplankung, wovon in dem Video aus Cavembourg ebenfalls nichts zu erkennen ist. Hier muss es also noch andere Einflüsse gegeben haben.
    Suchen wir nach einer aerodynamisch gut gestalteten Maschine mit Glattblechbeplankung, dann werden wir ebenfalls 1918 bei Dornier fündig: Die Dornier D.I (https://de.wikipedia.org/wiki/Dornier_D.I). Dornier vollzog anschließend zwar auch den Schritt zum Eindecker, aber der ab 1922 gebaute Dornier Falke https://de.wikipedia.org/wiki/Dornier_Do_H war ein Hochdecker.
    Es ist also naheliegend, eine Kooperation von Junkers und Dornier als Urheber des im Film zu sehenden Flugzeugs anzunehmen. Wie könnte es nun dazu gekommen sein? Nun, der Versailler Vertrag verbot die Entwicklung von Militärflugzeugen in Deutschland, wobei dieser Begriff sehr weit ausgelegt wurde. Zur Umgehung dieser Bestimmung gründeten fast alle deutschen Flugzeughersteller Filialen im Ausland, in denen die in Deutschland konstruierten und gefertigten Teile zusammengebaut und die Flugzeuge erprobt wurden. Junkers hatte Tochterunternehmen in Schweden und Russland, Dornier hatte solche in der Schweiz und in Italien.
    Aber der Versailler Vertrag enthielt auch eine Klausel, die in der Anfangszeit den Flugzeugbau in Deutschland ganz verbot. Das gezeigte Flugzeug ist nun ein starker Hinweis darauf, dass zur Umgehung dieses frühen Verbots Junkers und Dornier nicht nur ein gemeinsames Tochterunternehmen in Cavembourg hatten, sondern dort offenbar auch gemeinsame Entwicklungen mit den besten Merkmalen der beiderseitigen Entwürfe durchführten.

    Damit sind die ersten drei Merkmale erklärt, aber was verraten uns die lange Nase und der hoch angesetzte Propeller über den Motor? Von der Länge her müsste es ein Zwölfzylinder sein, und der hohe Propeller deutet darauf hin, dass ein Untersetzungsgetriebe vorhanden ist. Ich habe genau einen Motor mit diesen Eigenschaften zu dieser Zeit gefunden – den Bz VI https://de.wikipedia.org/wiki/Benz_Bz_III, Tabelle unten). Offenbar hatte das im Film gezeigte Flugzeug diesen Motor. Damit dürfte klar sein, dass dieses Flugzeug für seine Zeit extrem stark motorisiert war.
    Nur: Wofür war dieses Flugzeug gedacht? Ein Jagdflugzeug dürfte es eher nicht gewesen sein, denn erstens war Cavembourg wohl nicht sehr kriegerisch, zweitens tauchte das Flugzeug nirgendwo im Ausland bei irgendeinem Wettbewerb oder möglichen Kunden auf und drittens hatte offenbar niemand etwas dagegen, dass es in dem Film vorkam – was bei einem total futuristischen Militärflugzeug wahrscheinlich anders gewesen wäre. Hier kommt das Fahrgestell ins Spiel: Die komische Struktur wäre erklärlich, wenn das Fahrgestell nur ein Provisorium war – weil das Flugzeug nach der Erprobung nämlich Schwimmer erhalten sollte. Daher erscheint es logisch anzunehmen, dass diese Maschine für den Wettbewerb um die Schneider-Trophy https://de.wikipedia.org/wiki/Schneider-Trophy gebaut wurde. Dies erklärt dann auch den für die Zeit extrem starken Motor wie auch die aerodynamische Sorgfalt, mit der das Flugzeug konstruiert worden war.
    Wieso das Flugzeug nicht für Cavembourg teilnahm, muss leider offenbleiben. Die Chancen auf einen Sieg wären sicherlich sehr groß gewesen.

    Vermutlich hat ein angehender Flugzeugbauer diese Maschine irgendwo gesehen (ob im Werk, bei diesem Transport, oder auch später auf einem Schrottplatz), und ihre Form viele Jahre später zur Grundlage eines der berühmtesten Flugzeuge der Welt gemacht: der Messerschmitt Bf 109 https://de.wikipedia.org/wiki/Messerschmitt_Bf_109.

    Also war Cavembourg auch im Bereich der Luftfahrt ein echtes Pionierland!

    Viele Grüße
    Rolf

    Liken

  2. Hallo Rolf,
    Deine Rechercheergebnisse stellen den allgemeinen Kenntnisstand dar, der bedauerlicherweise seit gut zwei Jahren überholt ist.

    Tatsächlich war aber die U1 von Udet Flugzeugbau die Mutter der Flugzeugtechnik Cavembourgs.
    Ernst Udet, neben Richthofen einer der höchstdekorierten Kampfflieger des ersten Weltkriegs war mit seinem Geschwader an der Westfront eingesetzt. Zeitweise wurde (z.B. für die Offensive an der Somme) das Geschwader an die Belgisch-Luxemburgische Grenze verlegt. Neben Udet war auch ein gewisser Herrmann Göring im Geschwader Richthofen. Generalluftzeugmeister Ernst Udet war übrigens in Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ das Vorbild des General Harras (Udet und Zuckmayer waren miteinander befreundet).

    Nach einem Luftkampf musste Udet auf Cavembourgischen Hoheitsgebiet notlanden, weil sein Gegner zahlreiche Treffer in Udets Maschine erzielen konnte, die einige Spanndrähte der Tragflächen getroffen hatten. Die Cavembourger halfen Udet samt seinem Fluggerät wieder über die Grenze nach Deutschland zu kommen, weshalb er der Deutschen Heereskriegsleitung den tatsächlichen Landeplatz aus Dankbarkeit verschwiegen hatte und so Cavembourg aus der Schusslinie hielt. Die Cavembourger wussten Udets Verschwiegenheit sehr zu schätzen, weshalb sich nach dem Krieg eine innige Verbundenheit zwischen Udet und Cavembourg entwickelte, was sich für beide Seiten noch als großen Vorteil erweisen sollte.

    1921 gründete Udet seine Udet Flugzeugbau GmbH in München. Durch seine Kriegserfahrung über Cavembourgischen Hoheitsgebiet war seine erste Maschine ein Tiefdecker, die U1, hier als Modell (Foto Wikipedia).

    Da Cavenbourg sich als Schmiede stromlinienförmiger Fahrzeuge einen guten Ruf geschaffen und Udet durch zahlreiche Besuche in Cavembourg einige Feundschaften mit zahlreichen Cavembourgern geschlossen hatte, wurde eine U1 nach Cavembourg transportiert, um die Kastenform von dortigen Entwicklern stromlinienförmig gestalten zu lassen. Man hätte auch die U6 nehmen können, aber sie war noch nicht flugbereit.

    Die Cavembourger Designer änderten nicht nur die äußere Form der U1, sondern bespannten den Rumpf mit dem gleichen Material, das auch 10 Jahre später an Kruckenbergs Schienenzeppelin Verwendung finden sollte (das erklärt auch die metallisch glänzende Oberfläche im Trailer). Außerdem wurde ein leistungsfähigeres Triebwerk eingebaut- Im Gegenzug flossen auch die Erkenntnisse aus dem Umbau der U1 in die Entwicklung des Schienenzeppelins (siehe S16 ff dieses Threads) ein.

    Als Ergebnis der Modifikation kam ein Fluggerät heraus, das der Messerschitt BF 109 (auch als ME 109 bekannt) sehr stark ähnelte. Dieses wiederum war auch kein Wunder, da die Udet Flugzeugbau GmbH und die Messerschmitt Fluzeugwerke im Jahre 1926 zusammengeschlossen und als Bayerische Flugzeugwerke in Augsburg weitergeführt wurden.

    Die BF108 Taifun war im Jahr 1934 eine Weiterentwicklung der U1 („Cavenbourg-Version“). Erkenntnisse aus diesen beiden Modellen flossen 1935 in die Entwicklung der BF 109 ein.

    Unterlagen, die diese Variante belegen, wurden erst vor wenigen Jahren beim Abriss der Cavembourgischen Eisenbahnwerkstatt am Luxemburger Hbf in einem verschütteten Kellerraum zusammen mit den in Kisten zerlegten Schienenzeppelinteilen gefunden.

    Grüße aus Idar-Oberstein

    Erich

    Liken

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