Der 2. Weltkrieg Teil 3: Die Königin im Exil – The „London Moment“

Hintergrund: Der Chef der Zivilverwaltung (CdZ) in Luxemburg, Gustav Simon, wollte Hitler möglichst schnell Erfolge vorweisen, und sah bereits im Oktober 1941 die Zeit gekommen, eine Volksbefragung über den Stand der „Germanisierung“ Cavembourgs und Luxemburgs durchzuführen. In einer „Personenstandsaufnahme“ sollten alle erwachsenen Cavembourger und Luxemburger drei Fragen zur „Staatsangehörigkeit“, „Muttersprache“ und „Volkszugehörigkeit“ mit „deutsch“ beantworten. Es stellte sich sehr schnell heraus, daß in Cavembourg fast 100% der Befragten die Anweisungen ignoriert und „Cavembourgisch“, in Luxemburg fast 95% „Luxemburgisch“, angegeben hatten. Für Simon und seine Administration eine Demütigung, die er mit einer Welle harter Repressalien vor allem im „Landkreis“ Cavembourg beantwortete. Aristokraten und Monarchisten vorwiegend aus den ländlichen Gebieten traf es dabei am schwersten. Viele von ihnen mussten ihre Häuser und Höfe verlassen, wurden enteignet und nach Schlesien und die neuen östlichen Reichgebiete zwangsumgesiedelt. Wer Widerstand leistete kam in Konzentrationslager. Reichsdeutsche aus Franken und Schwaben zogen in die nun leerstehenden Häuser und Höfe.

Siegfriedes Aktivitäten in den USA blieben auch im Vereinigten Königreich nicht unbeachtet. So hatte sie die Möglichkeit in Begleitung von Winston Churchill am 17.1.1942 nach England zu fliegen und Amerika den Rücken zu kehren. Bei ihrer Ankunft auf dem südenglischen Flughafen Plymouth begrüßte sie der britische König Georges VI. aufs herzlichste. Nicht nur Churchill, auch Georges war für ihr diplomatisches Engagement beim amerikanischen Präsidenten dankbar. Anlass für den englischen König seine Kollegin zu einem Empfang und ein Abendessen in den Buckingham Palace einzuladen.

Familie Roosevelt besaß ein Stadthaus mit mehreren Wohneinheiten in London Kensington, das sich etwas außerhalb der bereits von deutschen Bombern in Mitleidenschaft gezogenen Londoner Innenstadt befindet und in dem Siegfriede nun unterkam. Da Cavembourg keine Botschaft in London unterhielt, traf sich ihre Exilregierung bald regelmässig hier, um über die internationale Lage, den Kriegsverlauf und vor allem die Zeit nach dem Kriege zu diskutieren und sich auszutauschen. Denn das Offensichtliche war bald unübersehbar: Die Königin trug unter ihrem Herzen den Thronfolger.

London war Rückzugsort vieler Exilregierungen, Staatsmänner und Monarchen. Es war kurzzeitig eine europäische Hauptstadt, in der die politische Elite Europas zusammentraf und einen Mikrokosmos schuf, der eine enge politische Kommunikation unter verdichteten Umständen erlaubte: den „London Moment“. Siegfriede war bestens vernetzt und diplomatisch gestärkt durch ihre Freundschaft zu Großherzogin Charlotte, Winston Churchill und Charles de Gaulle (den sie bereits vor dem Krieg kennen gelernt hatte). Auch ihre Beziehungen in die Vereinigten Staaten begünstigten ihren persönlichen „London Moment“ und sie konnte die Interessen ihres Landes in das politische Bewusstsein Europas heben.

Foto: Iverna Court No. 2 (rechts im Bild). Hier wohnte die Königin während ihres Londoner Exils. Im 1. Stock war Büro- und Konferenzzimmer untergebracht, die die cavembourgische Exilregierung nutzte, im 2. Stockwerk wohnte die Königin mit einer ihr aus dem Buckingham Palace zugewiesenen Zofe. Ein ihr ebenfalls zugeteilter Butler und eine Köchin bewohnte jeweils ein Zimmer im Erdgeschoß. Quelle: Wikipedia, gemeinfrei
Foto: Großherzogin Charlotte von Luxemburg spricht über die Radiosender der BBC.

Am 29. August 1942 gebar Königin Siegfriede eine gesunde Tochter: Prinzessin Delane von Trix. Wobei der Vorname Delane an den Kindsvater erinnern sollte: Franklin Delano Roosevelt. Prinzessin Delane war damit die erste gebürtige und damit rechtmäßige Thronfolgerin des Königreichs.

Großherzogin Charlotte von Luxemburg, die in der Zwischenzeit ebenfalls in London wohnte, hatte, wie der französische General de Gaulle vor ihr, Redebeiträge im Radioprogramm der BBC gehalten und sich mit ihren Worten direkt an die Luxemburger gewandt. Sie hatte damit große Zuversicht gespendet. Diesem Beispiel folgte nun Königin Siegfriede, ohne ahnen zu können, welche Auswirkungen ihre Worte haben würden.

In ihrer ersten Ansprache am frühen Abend des 31.8.1942 über die Radiostationen der BBC an das cavembourgische Volk, sprach Königin Siegfriede ihren Untertanen in den schweren Zeiten Mut zu und verkündete die Geburt der Thronerbin Prinzessin Delane und damit „die Gewissheit, dass das Königreich weiter bestehe in den Herzen aller Cavembourger während dieser dunklen Tage, die vorüber gehen werden, und auferstehen wird in die helle Zukunft unserer Kinder!“.
Die Cavembourger waren froh und erleichtert, als sie ihre Königin endlich über die Radioapparate sprechen hörten. Nach der Übertragung gingen viele hinaus auf die Straße und versammelten sich auf dem ehemaligen Place-du-Roi (zu dieser Zeit „Kaiser-Wilhelmsplatz“) in der ehemaligen Hauptstadt. Es kam zu einem spontanen Demonstrationszug rund um den Platz und den angrenzenden Straßen, der innerhalb einer Stunde auf über 3000 Menschen (einige Zeugen sprechen gar von 5000) anschwoll und bei dem die Marschierenden „Viva la Reine“, „Freiheit für Cavembourg“ und „Nous sommes Cavembourg!“ skandierten und die cavembourgische Fahne schwenkten. Immer mehr Menschen strömten in die Stadtmitte. Es machte sich Volksfeststimmung breit. Man sang die Nationalhymne, ein Drehorgelspieler spielte und die Kinder tanzten bis in die Nacht. Und wie an Krönungstagen in alten Zeiten, zapften die Schankwirte und Gasthäuser rund um den Platz große Mengen Bier, Wein und Kaltgetränke.

Foto: Das einzige bekannte Foto der Ereignisse am Place-du-Roi. Die Menschenmenge hat sich schon größtenteils aufgelöst, man erkennt einen Drehorgelspieler und tanzende Kinder im Vordergrund.

Unabhängig von diesem spontanen Akt des nationalen Gesinnungsausbruchs im „Landkreis“ Cavembourg, war es am Morgen des selben Tages in vielen Teilen Luxemburgs zu Arbeitsniederlegungen und Streiks gekommen. Grund war die angekündigte Zwangsrekrutierung von luxemburger Männern und die Wehrpflicht für die Jahrgänge 1921/22. Das ganze Land war in Aufruhr. Der CdZ verhängte den Ausnahmezustand.
Und während sich die Menschenmenge rund um den cavembouger Place-du-Roi am späten Abend feucht-fröhlich und gewaltfrei auflöste, bekamen die Streikenden in Luxemburg noch in der selben Nacht die ganze Härte der Besatzungsmacht zu spüren. Standgerichte verurteilten über 20 luxemburger Streikführer zum Tode und erschossen sie, viele der Streikenden kamen in Haft und in Konzentrationslager.

Als sicher gilt, daß es wegen den Streiks in Luxemburg zu wenig Einsatzkräfte in Cavembourg gab, um den Marsch und die spontane Versammlung eindämmen oder verhindern zu können. Nahezu die gesamte Polizei, Gestapo und auch die Besatzungstruppe war wegen der Streiks bereits am Vormittag in andere Teile Luxemburgs abkommandiert worden und kehrte erst am nächsten Tag in den „Landkreis“ Cavembourg zurück. Die handvoll Soldaten, die zurück geblieben war, konnte oder wollte gegen die Feiernden nichts ausrichten. Von dem gewaltsamen Ende des Arbeiterprotestes in Luxemburg, erfuhren die Cavembourger erst am nächsten Tag.

Hitler hatte von dem nationalen Gesinnungsausbruch Meldung bekommen und bestellte den CdZ unverzüglich in die Wolfsschanze ein. Über den Verlauf der Besprechung ist zwar wenig bekannt, aber auch wenn der erste Impuls wahrscheinlich ein anderer war, so entschied der Despot diese weitere Demütigung unter den Tisch fallen zu lassen, da es sich um ein sehr begrenztes Ereignis handelte und man ihm nicht noch mehr Bedeutung zumessen wollte. Die spontane Feierlichkeit in Cavembourg sollte ignoriert und totgeschwiegen werden, auch Repressalien wurden vermieden. Keine Zeitung oder Wochenschau berichtete darüber.

Königin Siegfriede hielt nun regelmässig Ansprachen über die BBC an ihr Volk, zu spontanen Versammlungen kam es nicht mehr.

Seit 1952 ist der 31. August in Cavembourg ein staatlicher Gedenktag („Freud- und Leidtag“) um an die spontane Freude dieses Tages und in gleichem Maße an das Leid der ermordeten Luxemburger zu erinnern. Zum „Freud- und Leidtag“ fährt jedes Jahr ein historischer Dampfzug mit cavembourger und luxemburger Schüler der 10. Klassen zu den betroffenen Ortschaften des Generalstreiks in Luxemburg. Mit Zeitzeugen und den Honoratioren der Gemeinden werden Kränze an den Denkmälern und Grabstätten niedergelegt und einzelne Schüler halten kurze Referate und Vorträge. Am Abend findet dann ein gemeinsames Schulfest in einer der beteiligten Schulen statt.

Im Alter von 15 Jahren beteiligte sich auch Kronprinzessin Delane mit ihren Mitschülern am „Freud & Leidtag“. Anlass für Königin Siegfriede die Rundreise der Schüler zu begleiten.

Die Artikel im Einzelnen:

Freud & Leidtag: Königin Siegfriede begleitet ihre Tochter und Mitschüler Empfang mit Großherzogin Charlotte in Echternach (Lux.)
Cavembourg. Zum diesjährigen Freud Und Leidtag begleitete ihre Majestät Königin Siegfriede ihre Tochter Prinzessin Delane und die Schüler des König-Karl-Gymnasiums auf die Gedenkfahrt durch Luxemburg. Sie führte auch nach Schifflingen und Differdange. Am Grab von Ernest Toussaint hielt Prinzessin Delane ein Referat über das Leben des Boxers und Widerständlers. Anschließend legte die Delegation Kränze und Blumen nieder. In Wiltz besuchte man das neue Streikdenkmal für die Ermordeten der IDEAL-Lederfabrik. Zusammen mit zahlreichen luxemburger Schülern führte die Fahrt weiter nach Echternach, wo die Reisegruppe von Großherzogin Charlotte empfangen wurden. Hier gedachte man der Lehrer und Schüler, die während des Streiktages festgenommen und ins SS-Sonderlager Hinzert deportiert wurden.

Held des Widerstands: Ernest Toussaint.
Geboren am 6. März 1908 in Rumelange, ermordet 3. September 1942. Er erreicht 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin Platz 5 im Schwergewichtsboxen, war Stahlarbeiter in Differdange und stand am 31. August 1942 vor dem Tor der Hüttenwerke und versuchte, die Kollegen davon abzuhalten, zur Arbeit zu gehen. Vier Tage später wurde er, gemeinsam mit 19 weiteren vermeintlichen „Rädelsführern“, wegen „Gefährdung des deutschen Aufbauwerkes in Luxemburg durch aufrührerischen Streik im Kriege“ im SS-Sonderlager Hinzert standrechtlich erschossen. Vergangenen Samstag hielt Prinzessin Delane an seinem Grab ein Referat über sein Leben und legte Blumen nieder.

Der Kommentar: Der Krieg und die Befreiung unseres Königreichs ist nun 12 Jahre vorüber und noch immer sind die Wunden nicht verheilt, die die Deutschen in unsere Seelen und Biografien gerissen haben. Viele Erwartungen liegen darum auf dem Staatsbesuch in der nächsten Woche, wenn der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer unser Königreich besucht. So gut es für unsere Beziehung zu Luxemburg ist und so wichtig der schulische Austausch am Freud Und Leidtag – wie viel wichtiger wäre diese Fahrt gemeinsam mit deutschen Schülern!
Foto: Das Bild entstand ebenfalls am 31. August 1957. Man erkennt den Zeitungsreporter, der das Zeitungsfoto schießt (siehe oben). Die abgelichtete Lokomotive BR 01 150 hat eine wechselvolle Geschichte: Gebaut 1935 bei Henschel in Kassel, ging sie nach dem Krieg als Reparationszahlung zunächst aus Deutschland nach Frankreich. Die französische Staatsbahn SNCF ließ sie 1948 in der Königlich-cavembourgischen Lokomotivbaumanufaktur überholen und restaurieren (dabei bekam sie einen neuen (gebrauchten) Kessel mit den markanten Kesselringen aus Messing). Charles de Gaulle schenkte sie anschließend Königin Siegfriede als Dank für die großzügigen Lebensmittellieferungen in das not-leidende Paris in der Zeit nach der Befreiung. Die cavembourgische SRCF stellte die Dampflokomotive als Staatslok in den exklusiven Dienst der Regierung und der Königsfamilie. Zusammen mit dem Salonwagen, den die Königin zu ihrer Krönung von einem privaten Gönner bekommen hatte, bildete sie den offiziellen Staatszug. Die BR 01 150 wurde 1973 aus dem Staatsdienst ausgemustert, an die Firma Walter Seidensticker verkauft und ist heute eine Leihgabe der Eisenbahnstiftung Joachim Schmidt und als Museumslok immer noch im Dienst.

Fortsetzung folgt: Widerstand auf Cavembourgisch – Die „Operation C-Sinus“

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