Der 2. Weltkrieg Teil 11: Operation „SoftDrive-Sinus“ Teil 2

Die folgende Erzählung stammt aus einem bisher unveröffentlichten Text von Königin Siegfriede und beschreibt die Operation aus ihrer Sicht. Hier ein gekürzter Auszug:

Ich war so erleichtert, als ich Merker auf der Kanzel des winzigen U-Bootes stehen sah und er zu mir emporblickte. Er lächelte. Ich hob meine Hand und rief: „Gott segnet die Tapferen! Mon ami Merker ich bin so froh!“ Alt war er geworden, sein Haar ergraut und das Gesicht von vielen langen Tagen im Freien braun gegerbt. Er trug einen ledernen Overall und auf dem Kopf ein rotes Barett. Als er das Boot festgemacht hatte und schließlich die Leiter der Pier hinaufstieg und oben angekommen war, nahm er seine Kopfbedeckung ab, verbeugte sich tief und sagte: „Meine Königin!“. Ich umarmte ihn, den Mann, dem ich und das Königreich so viel zu verdanken hatte. Auch sein Begleiter war aus dem Boot auf die Pier hinauf gestiegen und verbeugte sich nun vor mir. Er war um einiges jünger als Merker, er lächelte und das gab ihm etwas Spitzbübisches „Her majesty!“ begrüsste er mich. Ich gab ihm meine Hand und sagte „Mister Steam, herzlich willkommen in ihrer Heimat, es freut mich, dass sie es geschafft haben.“

Den Pier hatten die Leute der britischen „Special Operations Executive“ in Erwartung des kleinen U-Bootes, schon seit zwei Tagen abgeriegelt, Material und Werkzeug herangeschafft und sogar einen kleinen Kran errichtet. Nun liefen umfängliche Arbeiten an. Zunächst mussten die beiden Übungstorpedos, die noch an den Flanken des Bootsrumpfs saßen, entfernt und durch zwei torpedoförmige Vorratsbehälter getauscht werden. Der Behälter auf der Backbordseite enthielt abgepacktes Trinkwasser und Nahrung in luftdichten Beuteln, der auf Steuerbord zusätzlichen Treibstoff für den Schiffsdiesel. Er wurde mit einer Kraftstoffleitung an den Bordtank angeschlossen. Der Aktionsradius des Bootes sollte sich so um 200 Seemeilen erweitern. Auf Anregung von Merker tauschte man noch das Schnorchelventil, da sich das alte als undicht erwies und man entfernte das deutsche Hoheitszeichen und die Nummern am Turm. Proviant wurde aufgefüllt, die Akkumulatoren geladen, Seile, Kochgeschirr, Feuerzeug und ein winziger Benzinkocher, zivile Kleidung, zwei Messer, eine Enfieldbüchse, ein kleines Schlauchboot mit klappbarem Paddel, alles wasserdicht verpackt, an Bord gehoben.

Foto: Die Übungstorpedos am U-Boot werden abgenommen und durch Vorratsbehälter ersetzt.

Meine Aufgabe sollte es sein, den „Kommandanten“ zu mimen. Das hieß, ich hatte nach Schiffen, Landmarken und Hindernissen Ausschau zu halten, die Seekarten zu lesen und mit dem Kompass zu navigieren, zur Not musste ich die Sterne und ihre Positionen kennen. Merker sollte den „Leitenden Ingenieur“ (LI) abgeben. Seine Aufgabe war, das Boot nach meinen Anweisungen zu steuern, die Bordinstrumente im Auge zu behalten, die Maschinen zu überwachen und schließlich die Tauchgänge durchzuführen.
Wochenlang hatte ich mich auf diesen Einsatz vorbereitet. Nicht nur die Theorie geübt, ich hatte auch die Möglichkeit genutzt, auf Einladung von Admiral Claud Barry, die Übungsfahrt eines britischen U-Bootes der X-Klasse vor der walisischen Küste zu begleiten und die zum Teil schmerzhaften ersten Erfahrungen bei Unterdruck im Tauchgang zu erleben. Ich war wohl die erste und einzige Frau, die während des Krieges in einem U-Boot etwas Praxisübung machte. Und Merker hatte seinen Teil zuhause im großen Waldsee geübt, der nun „Etang des phoques“ hieß. Ein Name, den ich sehr passend finde.

24. August 1944, 17 Uhr. Ich stand neben Merker auf der Pier in „U-Boot-Uniform“: Eine Lederhose und eine Lederjacke aus dickem, naturgegerbtem Rindsleder, und auf dem Kopf eine britische Kommandantenmütze, die ich von Mister Steam verliehen bekommen hatte. Die Lederkluft sollte helfen bei Havarie die Körperwärme im kalten Wasser zu halten und sie beugte blaue Flecken in der Enge des Bootes vor. „Meine königliche Kommandantin! Lassen sie uns einsteigen.“ Merker kletterte voran die Leiter hinunter, an deren Ende das kleine U-Boot in den Wellen plätscherte. Das Turmluk hatte einen gewölbten Plexiglasverschluß, den er nun öffnete und ins Boot hinein stieg. Kurze Zeit später startete er den Diesel, der klaglos ansprang. Ich kletterte ebenfalls die Leiter hinunter und machte achtern und auf der Bootskanzel die Leinen los. Ich musste aufpassen, dass ich nicht sogleich ins Wasser fiel, denn sofort erfasste uns die Bewegung der Wellen. Ich hielt mich am Kompass, der an einem hüfthohen Mast auf der Kanzel befestigt war, und rief in das offene Luk hinunter: „Alles bereit?“, „Ay!“ kam es mir entgegen, „Dann halbe Fahrt avant, Kurs au sud“ Ich blickte nach oben zur Pier und winkte, Steam und unsere Helfer winkten zurück. „Bonne chance, Königin!“ rief Steam und machte ein Foto. Die anderen riefen auch etwas, aber das verstand ich schon nicht mehr, denn das Boot nahm rasch Fahrt auf. Der Plan war zunächst nach Süden zu steuern, um uns dann vor der französischen Küste und außer Sichtweite des Atlantikwalls westwärts zu halten. So hofften wir, möglichst wenig Schiffen zu begegnen. Ich freute mich auf dieses neue Abenteuer und glaubte fest daran, daß es genauso glimpflich ausgehen würde, wie der waghalsige Ritt in Dr. Geiers Flugscheibe.
….

Foto: Dieses Foto schoß James Steam bei der Abfahrt des Bootes in Hastings. Königin Siegfriede winkt zum Abschied.

Wir waren 3 Stunden unterwegs und machten etwa „6 Knoten Marschgeschwindigkeit“ wie Merker es formulierte. Der Abend brach herein, es fing leicht zu regnen an und die Sicht wurde diesig, vereinzelt zogen Nebelbänke über das Wasser. Es war fast windstill, doch die Kälte der Nordsee blies mit dem Fahrtwind und ich fröstelte. Ich beschloß von der Kanzel hinunter ins Turmluk zu stehen. Wenn man sich auf die Rückenlehne des Kommandantensitzes stellte, schaute der Oberkörper bequem aus dem Luk heraus und man stand im Windschatten der geöffneten Plexiglasabdeckung. Ich wechselte mit Merker nach unten ein paar Worte und suchte dann weiter den Horizont ab, der sich dunkel mit dem Abendhimmel zu verschmelzen schien. Plötzlich, wie aus dem nichts, war da ein Schatten, dann brach ein graues Schiff nur wenige hundert Meter querend vor uns durch eine Nebelbank…

Fortsetzung folgt: Operation „SoftDrive-Sinus“ Teil 3

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: