Der 2. Weltkrieg Teil 14: Die Zerstörung der „Big Boy“ 4012 und das Ende des „Jableman Corps“

Es ist schwer sich in die Gefühlslage von Bruno Jabelmann hinein zu versetzen, als er aus seinem Büro der Lokomotivbaumanufaktur zum Hauptbahnhof herüber eilte, und so überrascht wie jeder Cavembourger, die amerikanische 4012 erblickte, die dort am Bahnsteig 1 eingefahren war. Er hatte die Maschine schon von weitem kommen gehört und wunderte sich über den exotischen Klang ihrer Dampfstöße (er gehörte zu den Leuten, die Lokomotiven für gewöhnlich schon von weitem an ihrem Fahrgeräusch erkennen können).
Tage zuvor waren Gerüchte im Umlauf gewesen, eine riesige Lokomotive wäre mit den Amerikanern auf dem Weg nach Osten und triebe die Deutschen vor sich her. Und nun fuhr ausgerechnet diese Maschine bei ihm in Cavembourg ein. Beeindruckend in ihrer Größe und Kraft, und: Unverkennbar seines Bruders Werk!
Er wusste aus Briefen, geschrieben noch vor dem Kriege, wie sein Bruder Otto mit der Konstruktion dieser Lok gerungen hatte. Er kannte auch die Umstände seines tragischen Todes und nun stand eine dieser gewaltigen Lokomotiven vor ihm.

„Das Schicksal dreht manche Pirouette… „ dachte er und bahnte sich einen Weg durch die neugierige und begeisterte Menge, die die Lok am Bahnsteig umringte. Als dann die Königin aus einem der hinteren Wagen des Zuges stieg und die Menge sich ihr zuwandte, konnte er sich zur Lokomotive durchschlagen und begrüßte die drei Männer im Führerstand: „Welcome to the Kingdom of Cavembourg!“ rief er ihnen am Fuße des Aufstiegs entgegen „My name is Jabelman, Bruno Jabelman. And I am glad to see you…“ Die Männer oben lachten und riefen: „We are Jablemen, too!“ und sie bedeuteten ihm mit einer Handbewegung hinauf zu steigen. Auch wenn Bruno noch nie von diesen „Jablemen“ gehört hatte, so wussten die drei Männer im Führerstand sehr wohl von ihm. Sie stellten sich vor und fassten ihre Geschichte in ein paar kurze Sätze, dann verabredeten sie sich für den Abend, um die neue Bekanntschaft mit einem guten Wein zu vertiefen und um ausführlich berichten zu können. Denn in der Zwischenzeit war die Königin an der Lok vorbei gegangen, hatte ein paar Worte mit einem der drei Männer im Führerstand gewechselt und stieg nun auf die Vorlaufplattform der Lokomotive, um ihre berühmte Rede zu halten. Der sichtlich perplexe Bruno kletterte während dessen aus dem Führerstand zurück auf den Bahnsteig und konnte des Schicksals“-pirouette“ kaum fassen…

Am Abend fand sich Bruno Jabelmann dann in den Baracken am Güterbahnhof ein, wo sich die drei Männer des „Jableman Corps“ einquartiert hatten. Er hatte eine Kiste Cos Cavembourg dabei und die drei Lokomotivführer erzählten ihre ganze Geschichte und so manche Anekdote über seinen Bruder. Das restliche „Jableman Corps“ sollte in den nächsten Tagen ebenfalls in Cavembourg Quartier beziehen.

In den folgenden Wochen machte Königin Siegfriede ihr Versprechen wahr und versorgte die französische Hauptstadt mit Lebensmitteln. Die 4012 und ihre „Jablemen“ fuhren die Strecke dabei fast täglich und die Lok tat klaglos ihren Dienst. Im November 1944 musste sie schließlich auf Grund von Brennstoffmangel im BW Cavembourg abgestellt werden. Da sich die allgemeine Versorgungslage der französischen Hauptstadt stabilisiert hatte und mit der Eroberung des Hafens von Antwerpen auch der alliierte Nachschub gesichert war, verlor die Lokomotive vollends an Bedeutung. Die Männer des „Jableman Corps“ lösten ihre Einheit schweren Herzens auf und kehrten zurück zur 723rd Railway Operation Division, die bereits in Antwerpen stationiert war.

Nach der Operation Market Garden, bei der die alliierten Truppen große Lücken am belgischen Frontabschnitt zurück ließen, sahen die Deutschen eine Chance, die Initiative zu übernehmen und stießen im Dezember 1944 in den Ardennen vor. Während dieser Offensive eroberten sie Teile Südbelgiens und den Norden Luxmbourgs zurück, wobei sie ganze Landstriche verwüsteten. Zeitgleich beschossen sie zwischen dem 30. Dezember 1944 und dem 22. Januar 1945 das Königreich Cavembourg und das Stadtgebiet Luxemburg mit der Langrohrkanone V3, die in der Nähe des Örtchens Lampaden bei Trier stationiert war. Insgesamt feuerten sie 183 Treibspiegelgranaten aus einer Entfernung von 43 Kilometern ab, davon trafen 44 das luxemburger Stadtgebiet und drei die cavembourgische Hauptstadt – zwei schlugen ohne großen Schaden zu verursachen in Grünflächen ein, die dritte explodierte in der Nähe der abgestellten Lokomotive 4012, verletzte zwei Bahnmitarbeiter und beschädigte die amerikanische Lok erheblich. Es sollten die einzigen kriegsbedingten Schäden im Königreich bleiben.

Foto: Die Langrohrkanone V3 bei Lampaden. Sie hatte eine Reichweite von bis zu 60 Kilometern und eine Streuung von 3 Kilometern. Ein präzise Kriegsführung war damit nicht möglich und Treffer waren Zufallssache.
Foto: Bruno Jabelmann auf der 4012, vor der Beschädigung durch Granatenbeschuß.
Foto: Die beschädigte 4012 auf dem Gelände des BW Cavembourg. Das Geschoss schlug etwa 25 Meter entfernt ein. Dabei hob es die Lok aus den Gleisen, der Prellbock vor ihr riss los, flog und brach auseinander, seine Pufferbohle riss ab und schlug ein Loch in den Kessel, während sich die Schienen verformten.
Foto: Königin Siegfriede besucht noch am selben Abend die beiden verwundeten Bahnmitarbeiter im Lazarett. Die Verwundeten sind vollständig genesen, obwohl es am Anfang sehr kritisch um sie stand. Sie konnten ihren Dienst bei der SRCF wieder aufnehmen.

Die Big Boy 4012 schien unwiederbringlich zerstört. Doch Bruno Jabelmann, der sich mit dieser „Pirouette des Schicksals“ nicht abfinden wollte, schwor sich, die Lok wieder auf Vordermann zu bringen. Und sei es nur um seines Bruders zu gedenken.

Fortsetzung folgt: Nachträge

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