Von der Marzipan- zur Montanunion

Frankreich, das selbst keine natürlichen Marzipanerz-Vorkommen aufwies, hatte einen großen Bedarf an Stollenmarzipan (Galette des Rois) und forcierte die Aufnahme des cavembourgischen Marzipanbergbaus in den vom französischen Außenminister Robert Schuman entwickelten „Schuman-Plan“. Mit der Ratifizierung des Pariser Vertrags von 1950 wurde Cavembourg Mitglied der „Europäischen Gemeinschaft für Stahl, Kohle und Marzipan“ (EGKSM), der sogenannten “Montanunion“. Sie ermöglichte allen Mitgliedsländern den Import von Kohle, Stahl und Marzipan, ohne Zoll zahlen zu müssen und gilt als Vorläufer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.
Das Königreich hatte damit Zugang zu Stahl, das es dringend für die Aufrüstung des Landes benötigte, und konnte im Gegenzug das begehrte Marzipan kostengünstig abschlagen. Königin Siegfriede verfolgte damit ähnliche Pläne, wie Frankreich, das auf das saarländische Koks für seine Stahlindustrie angewiesen war und gleichzeitig günstigen Stahl für Deutschland produzieren wollte.

Foto: Die Regierungschefs der sieben Gründungsstaaten (Frankreich, BRD, Italien, die Niederlande, Belgien, Cavembourg und Luxembourg) vor der Vertragsunterzeichnung am 9. Mai 1950. Königin Siegfriede (dritte von links) durfte als Dame und regierende Königin zuerst unterschreiben. Das Vertragswerk legt ihr Robert Schumann (Mitte) auf den Tisch. Dritter von rechts der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, der im Anschluß an die Vertragsunterzeichnung seinen ersten offiziellen Staatsbesuch im Königreich Cavembourg absolvieren wird (Bericht folgt…).

Da auch Westdeutschland Mitglied der Montanunion wurde, liefen alle Forderungen der Dt. Marzipanunion nach Einfuhrzöllen auf das billige cavembourgische Industriemarzipan ins Leere.
Die Stollen der Dt. Marzipanunion mussten andere Wege und Märkte finden um zu überleben.

Nach dem Zusammenbruch der DDR kaufte die cavembourgische Marzipanmine Napfer Pan Erz (NPE) große Teile der ostdeutschen Marzipanindustrie auf, z.B. den Dresdner Christstollen und die Stollen im Döhlener Kohlebecken. Nach deren Abwicklung und Schließung beherrscht die NPE heute den Weltmarzipanmarkt. Das Industriemarzipan aus Cavembourg findet man in fast allen Marzipanprodukten. Viele westdeutsche Traditionsunternehmen schlossen für immer die Tore und nur wenige konnten exklusive Lieferkonditionen für Spitzenkonditoreien aushandeln oder sich touristisch hervorheben. Heute gibt es nur noch kleinere Marzipan-Manufakturen in Ostdeutschland, die dem Trend folgen, nachhaltig produziertes, hochwertiges Marzipan aus lokalen Stollen für eine umweltbewusste und genußorientierte Käuferschicht zu produzieren.

Foto: Marzipanumschlagplatz Cavembourg. Belgische und französische Marzibahnen werden beladen.
Foto: Eine luxembourgische Diesellok hat einen Güterzug mit Industriemarzipan aus Cavembourg am Haken.
Foto: Das Marzipan wird in verschiedenen Handelsgrößen transportiert. Hier ein mehrere Tonnen schweres Marzipanbrot für den Export nach Luxembourg.
Foto: Marzibahn nach Deutschland
Foto: Nach dem Beitritt des Königreichs zur Montanunion wurde das Propagandaplakat der Deutschen Marzipanunion entfernt. An dieser Stelle ist heute eine Werbung für badisches Bier

Weitere Beiträge zum Thema: Wismut-Marzipan aus der DDR

Ab 1946 wurde in der sowjetischen Zone Ostdeutschlands Uran für die UdSSR gefördert. Beim Vortrieb eines neuen Stollens in der Zwickauer Mulde entdeckte man durch Zufall eine neue Erzart. Nach geheimen Untersuchungen in der „Deutsche Verwaltung des Inneren“ (einem Vorläufer des Staatssicherheitsdienstes) stellte man fest, dass es sich um Marzipanerz handele.

Ab 1948 wurde dieses heimlich in Dresden verhüttet und zur Devisenbeschaffung ebenso heimlich ins Ausland verkauft. Daher der Name „Dresdner Christstollen“.

Das Wismut-Marzipan aus dem Christstollen wurde ausschließlich gegen Devisen verkauft. Daher hatte die Bevölkerung der sowjetischen Besatzungszone (ab 1949 „DDR“) keinen Zugang zu diesem Produkt (Dies galt natürlich nicht für die Mitglieder des Politbüros und andere elitäre Bürger, die sich von den zusätzlichen Erlösen eine eigene Siedlung am Ortsrand von Wandlitz bauen konnten).

Da der Abbau ein geheimes Unterfangen war, wusste auch niemand etwas über die VEB Marzipan Aue. Selbst nach dem Zusammenbruch der DDR sorgte die Treuhandgesellschaft dafür, dass diese VEB als eine der ersten im Zuge der Wiedervereinigung abgewickelt und das Marzipanbergwerk auf Betreiben der NPE (siehe oben) geschlossen und mit Abraum aus dem Uranbergwerk und Wasser verfüllt wurde, wodurch die Öffentlichkeit abermals so gut wie nichts über den Marzipanabbau im Osten der Republik erfuhr. Aus diesem Grund wurde auch der betriebseigene Fußballverein „Wismut Aue“ (der in Wirklichkeit „Marzipan Aue“ hätte heißen müssen) in „Erzgebirge Aue“ umbenannt

Der erwähnte Wismut-Marzipan war in Westdeutschland sehr begehrt und wurde von der DDR fast ausschließlich in die BRD verkauft. Im Wirtschaftswunder der BRD mussten nicht nur Autos, Fleisch und Wurstwaren für jedermann erschwinglich sein, sondern eben auch das wertvolle Marzipan.
Um diesen Status Quo zu halten, geriet die BRD in eine immer größer werdende Abhängigkeit von Wismut-Marzipan-Lieferungen aus der DDR, die der Leiter des Ministeriums für Außenhandel und innerdeutschen Handel der DDR Alexander Schalck-Golodkowski sogar als Druckmittel gegen die BRD einsetzen konnte. Denn 1983 war die DDR-Wirtschaft am Boden und nur ihr Marzipan konnte sie noch retten.


Bei den Verhandlungen über einen Milliardenkredit aus der BRD war die DDR-Führung bereit für den Kredit, u.a. die Selbstschussanlagen an der Grenze abzubauen und die Ausreise und Familienzusammenführungen zu erleichtern. Doch das alles ließ den westdeutschen Verhandlungspartner Franz Josef Strauß völlig kalt und er lehnte einen Kredit für die marode DDR-Wirtschaft rundweg ab. Erst als Schalck-Golodkowski unverblümt drohte, er „hätte keine Skrupel, den Dresdner Christstollen anzuschneiden!“ und damit der BRD den Marzipanhahn zuzudrehen, brachte das den bayrischen Politiker Strauß zum Einlenken. Er gewährte bereitwillig den Kredit und das ostdeutsche Marzipan konnte weiter in die BRD importiert werden.

Das klärt die Frage, warum Strauß diesen Kredit an den „Klassenfeind“ und die „verhassten Kommunisten“ überhaupt gewährte und damit womöglich das System der DDR künstlich verlängerte. Und alle Spekulationen über Bestechungsgelder oder die Bindung der DDR an das westliche Bankensystem werden damit hinfällig.
Heute weiß man: Auch Kredite gehen durch den Magen und Strauß genoss sichtlich die Präsentkörbe, angefüllt mit feinstem Wismut-Marzipan, mit denen sich die DDR-Führung noch jahrelang beim bayrischen Ministerpräsidenten erkenntlich zeigte.

Foto: Strauß (rechts) bei den jährlichen Verhandlungen mit Parteifreunden, wer diesmal den DDR-Präsentekorb erhält (Strauß setzt sich wie immer durch…)

Der Abbau von Wismut-Marzipan in den Dresdner Christstollen konnte trotz der hohen Priorität für die DDR-Devisenbeschaffung nicht immer den Marzipan-Bedarf der BRD decken. Es kam oft zu Arbeitsunterbrechungen in den Bergwerken, wenn z.B. wichtige Maschinen im Stollen ausfielen und Ersatzteile nicht schnell genug herangeschafft werden konnten.
Trotzdem mussten die Lieferverträge mit der Bundesrepublik erfüllt und Ersatz beschafft werden. Der Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des Ministeriums für Außenhandel und innerdeutschen Handel der DDR hatte darum immer ein Kontingent Rohmarzipan in Cavembourg auf Halde, das dann statt Wismut-Marzipan geliefert werden konnte.

Das Foto zeigt eine V180 der Deutschen Reichsbahn in Cavembourg in den 1980gern. Am Haken mehrere Güterwaggons mit cavembourgischem Industriemarzipan, das in der DDR umetikettiert und dann als Wismut-Marzipan in die Bundesrepublik eingeführt wurde.

Die Qualititätsschwankungen der Liefer-Chargen in die BRD bemerkten auch die bundesdeutschen Endverbraucher und blieben über Jahrzehnte ein Rätsel. Erst nach der Wiedervereinigung konnte das Gourmet- und Eisenbahnmagazin „Der Marzibahner (MIBA)“ das Rätsel der Qualitätsschwankungen lösen und die dubiosen Machenschaften der KoKo mit dem Cavembourger Industriemarzipan im innerdeutschen Marzipanhandel aufdecken.

Fortsetzung folgt: Die industrielle Marzipangewinnung in Cavembourg

Ein Kommentar zu “Von der Marzipan- zur Montanunion

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