Vom Trafo zur PC-Steuerung Teil 1: Wie ich Modelleisenbahner wurde

Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle über meine Erfahrungen mit den verschiedenen Arten der Modellbahnsteuerung referieren. Doch man kommt vom „Hölzchen zum Stöckchen“ und so entschied ich mich, ganz von vorne anzufangen, damit der Leser meine Präferenzen besser einordnen kann und vor allem, um mir selbst meine Modellbahnkarriere noch mal vor Augen zu führen. Darum erzähle ich euch heute meinen ganz persönlichen Weg zum Hobby. Denn mein Einstieg als Erwachsener unterscheidet sich etwas vom „klassischen“ Anfang eines Modellbahners, den man sich gemeinhin mit dem Kauf einer Startpackung oder einer schönen Lok vorstellt. Zwar liegen die ersten Berührungspunkte mit der Modellbahn, wie bei vielen anderen Modellbahnern, in der frühen Kindheit, und wie bei vielen anderen, fanden sie durch den Vater statt, doch damit enden wohl schon die meisten Gemeinsamkeiten. Aber jetzt von vorne:

In meiner Kindheit baute mein Vater mit meinen beiden großen Brüdern (insgesamt waren wir 5 Geschwister und ich der mittlere) in der Vorweihnachtszeit auf dem großen Dachboden unseres Elternhauses eine Modellbahn auf, die den Winter überdauerte und einige Wochen später wieder eingemottet wurde. Wenn ich mir die Fotos von damals betrachte, mit dem Wissen eines Modellbahners von heute, muss dieses vorweihnachtliche Ritual ein gewaltiger Kraftakt gewesen sein, denn es war auch für heutige Verhältnisse eine relativ große Anlage, die die drei da jährlich stemmten.
Wir „kleinen“ Geschwister durften nicht mitbauen, sogar den Dachboden bis zum Heilig Abend nicht betreten – die fertige Anlage sollte immer eine Überraschung sein. Heute denke ich darüber natürlich anders. Wahrscheinlich wollten die drei Modellbahnbauer nicht die nervigen „Kleinen“ herumwuseln haben, das den Aufbau vielleicht gestört, auf jeden Fall verzögert hätte….
Ich weiß auch noch, daß diese Weihnachtsanlagen immer etwas anders gestaltet waren und die Streckenführung jährlich variierte.
Den Fotos zu Folge, kam es dabei nicht wirklich auf die Landschaftsgestaltung an, der Schwerpunkt lag eindeutig aufs „Züge fahren lassen“. Wichtig war, dass jedes Kind seinen eigenen Trafo mit Stellpulten und seine eigenen „Kreise“ hatte. Die Anlage war ein weihnachtliches Highlight auch bei meinen Freunden und den Nachbarn!

Fotos: Die Weihnachtsanlage meines Vaters: Eine typische „Spielbahn“ der 1980ger. Meine Brüder und ich drehen an den Trafos, die Nachbarschaft staunt.

Mitte der 1980er trennten sich meine Eltern, die Kinder waren bald aus dem Haus und die Modelleisenbahn meines Vaters war weggepackt in diversen Kisten und Umzugkartons und geriet zumindest bei mir in Vergessenheit. Obwohl mein Vater im Lauf der Jahre sein analoges Schienen- und Rollmaterial zu verkaufen begann und gleichzeitig anfing, digitale Märklinlokomotiven zu sammeln (er war „Märklinist“ und nun wohl „Schachtelbahner“), war Modellbahn kein Thema in der Familie.

Im Jahr 2010, fast 30 Jahre nach der letzten „Weihnachtsanlage“, mein Vater war über 60 Jahre alt, pensioniert und hatte in der Zwischenzeit eine andere Frau und ein neues Haus, fing er an, in einem dafür vorgesehenen Zimmer wieder eine Modelleisenbahn aufzubauen. Auch das ging überwiegend an mir vorbei und wenn man mal auf Besuch war und einen Blick auf diese Anlage werfen konnte, stockten die Baufortschritte im Laufe der Zeit doch erheblich.
Er hatte alle Schräubchen (bunt gemischt in Schlitz- und Kreuzschlitzausführung) und die alten dünnen Kabel seiner Weihnachtsanlagen, sogar das Streumaterial (eingefärbte Sägespäne) und die dicken Tischlerplatten aufbewahrt und nun wiederverwendet. Der überwiegende Teil der Anlage war nur über Wartungs- und Bedienungsluken erreichbar, zu denen man auf allen Vieren kriechend, über hartes Parkett gelangte. Die Kabelquerschnitte waren nach (altem) Märklinstandart und die Verbindungen hatte er alle gelötet – unter der Platte und über Kopf!
An einen Schattenbahnhof hatte er zwar gedacht, doch dieser war schwer zugänglich irgendwo unter der Platte untergebracht, befahrbar über eine atemberaubend steile Gleisrampe.
Seine neue Anlage ähnelte sehr stark den einfachen analogen Weihnachtsanlagen meiner Kindheit, nur eben mit C-Gleis, statt Metall, und einer CS 2 mit Boostern (für jeden „Kreis“ einen!), statt den Trafos.
Ich hatte das (damals noch nicht alarmierende) Gefühl, daß mein Vater mit dem Bau dieser Anlage einfach überfordert war. Der Spielspass war entsprechend begrenzt und mein Vater war bald etwas frustriert, so kam es zu den Verzögerungen im Baufortschritt.

Foto: Die Anlage meines Vaters in seinem Modellbahnzimmer. Man beachte die Luken in der Mitte und vor dem Fenster. Einzige Zugangsmöglichkeit um an die hinteren Bereiche zu kommen. (Leider ist die Fotoqualität sehr schlecht, da das digitale Bild von einem analogen Foto abfotografiert wurde, das sich hinter einer selbstklebenden Folie eines Fotoalbums befindet.)

Meine großen Brüder, die fleißigen Helfer von früher, konnten ihn nicht unterstützen und so befasste ich mich mit dem Thema Modellbahn, um ihm etwas unter die Arme zu greifen (und kam natürlich bald auch auf die Seiten dieses Forums). Parallel entstand meine eigene erste Anlage „Planlos in der Südpfalz“.

Ich fand bald heraus, daß mein alter Herr dringend Hilfe benötigte, da er eine digitale Anlage nach analogem Vorbild gebaut hatte. Seine Baufehler wurden mir bewusst und weil die Modellbahnanlage nicht das Schicksal vieler anderer unfertiger Projekte erleiden sollte, riet ich ihm und half ihm schließlich dabei, diese erste achterbahnähnliche Holzwüste komplett abzureißen und eine neue, einfachere Anlage zu planen und schließlich zu bauen.

Foto: Diesen Trafo hatte mein Vater als Jugendlicher selbst gebaut. Ich konnte mich an dieses Gerät noch gut erinnern, da er bei den Weihnachtsanlagen immer Dienst tat und ich als Bub fasziniert war von den glimmenden Glühbirnen. Nun hatte er ihn bei seiner neuen Anlage wieder für die Beleuchtung eingesetzt. Unter der weißen Abdeckung befindet sich ein einfaches Netzgerät um 220 Volt auf 12 Volt abzubremsen.

Der Abriss und Neubau begann 2016. Die neue Anlage sollte „seniorengerecht“ sein, d.h. in U-Form mit schmalen Schenkeln, die man von allen Seiten bequem und aufrecht erreicht.
Ein möglichst großer Schattenbahnhof sollte möglichst viel seines gesammelten Rollmaterials aufnehmen können und auch der SBH musste stehend erreichbar sein. Wenn einmal ein Zug entgleiste, sollte man sich nicht bücken oder gar auf allen Vieren kriechen müssen. Mit Torxschrauben, Wagoklemmen und ausreichend dimensionierten Kabelquerschnitten ging der Aufbau zügig voran. Außerdem programmierte ich mit der CS 2 eine einfache SBH-Steuerung und erklärte meiner Stiefmutter wie man alles in Gang setzen konnte. Denn die anfängliche Überforderung meines Vaters hatte sich zunächst schleichend, ab 2017 dann offensichtlich in eine Demenz entwickelt und er war bald nicht mehr in der Lage, selbstständig an seiner Anlage zu bauen, geschweige denn, sie zu steuern oder mit der CS 2 Abläufe zu programmieren.

Foto: Das Innenleben des Selbstbau-Trafos. Für die Seniorenanlage habe ich den Trafo dann, unter Protest meines Vaters, Z-gestellt. Ich hatte das Gefühl, daß das Ding bei einem Hausbrand einem Brandsachverständigen verdächtig vorkommen könnte….

Trotzdem erreichten wir den Fahrbetrieb.
Mein Vater hatte sichtlich Spaß seine „Zügle“ fahren zu sehen und ließ es sich nicht nehmen, auf der CS 2 Weichen zu (ver-)stellen, was zwangsläufig Zugkollisionen herbeiführte. Leider beendete das den Spielspaß abrupt, da meine Stiefmutter den Schlamassel zwar wieder aufräumte, aber eben mit dem Aufgleisen und der Wiederinbetriebnahme der Züge Probleme hatte. Man musste dann warten, bis ich oder einer meiner Brüder zu Besuch kam.
Ich baute schließlich alle Weichen aus, die potenziell Verbindungen zwischen den vier unterschiedlichen Fahrwegen herstellen konnten und programmierte eine einfache Blocksicherung.

Foto: Die „Seniorenanlage“. Eine einfache Streckenführung über drei Ebenen, zweigleisig fast ohne Weichenverbindung zwischen den Fahrstraßen.
Foto: Gut zu erkennen, die uneingeschränkte Zugänglichkeit auch an den SBH. Er befindet sich rechts am Anlagenrand, unterhalb der beiden anderen Ebenen.

Anfang 2019 ging aber auch das nicht mehr. Die geistigen Fähigkeiten meines Vaters reduzierten sich erneut, er verstummte und zeigte keine Gefühlsregungen mehr. Die Modellbahn hatte ausgedient. Alles einhergehend mit den üblichen körperlichen Gebrechen einer fortgeschrittenen Demenz. Ich bin heute noch erstaunt darüber, wie schnell der geistige und körperliche Verfall am Ende verlief.

Das Endstadium war im Sommer 2019 erreicht. Nachdem mein Vater in ein Pflegeheim umsiedeln musste, starb er wenige Wochen später im Alter von 74 Jahren.

Die Seniorenanlage steht noch. Die Enkel- und Nachbarskinder haben sie übernommen und spielen gelegentlich mit ein paar überlassenen robusten Loks und Wagen. Die Kids lernten schnell mit der CS 2 und der angeschlossenen MS 2 umzugehen und verpassten der Anlage sogar etwas Landschaft – mit den alten Häuschen und Pfeifenputzerbäumchen, die früher auf den Weihnachtsanlagen standen und die in Umzugskartons die Zeit überdauert hatten. Ich bot meiner Stiefmutter an, das Drumm endlich abzubauen, doch sie bringt es noch nicht übers Herz und die Kinder sorgen für etwas Leben in der Bude (leider momentan natürlich nicht).

Das Thema automatische Zugsteuerung spielte in der ganzen Zeit eine wichtige Rolle. Doch davon erzähle ich im 2. Teil.

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