Am Vorabend der Invasion

Noch im September 1939 nahm Königin Siegfriede an den Feierlichkeiten zur 100jährigen Unabhängigkeit des Großherzogtums Luxemburg teil und verbrachte letzte, fast unbeschwerte Tage mit der großherzöglichen Familie in Luxemburg. Die Familien von Nassau-Weilburg und von Trix waren eng verbunden, insbesondere Großherzogin Charlotte und Königin Siegfriede pflegten eine innige Freundschaft. Die Feierlichkeiten sollten der Welt zeigen, dass man stolz darauf war, unabhängig und eigenständig zu sein. Das galt um so mehr für das kleinere Cavembourg.
In diesen Tagen diskutierten die beiden Frauen lange darüber, wie man sich im Falle einer deutschen Okkupation verhalten sollte. Den Invasoren entgegentreten, wie es einst Großherzogin Marie-Adelheid im ersten Weltkrieg tat, im guten Glauben seine Integrität nicht zu verlieren? Oder war es besser zu fliehen, um dem Land während der schweren Zeit aus dem Exil beizustehen?

Unter Leitung des cavembourger Außenministeriums begann im März 1940 die Evakuierung der rund 1500 jüdischen Bürger und Emigranten aus Cavembourg. Mit fünf Sonderzügen fuhr man sie über Lüttich und Antwerpen zunächst nach Rotterdam.

Foto: Das Bild zeigt den ersten Fluchtzug im Hauptbahnhof Cavembourg am frühen Morgen des 30. März 1940.
Foto: Eine letzte Aufnahme am Bahnsteig bevor es mit dem Zug nach Rotterdam in eine ungewisse Zukunft geht.
Foto: Dieses Foto zeigt einen der fünf Fluchtzüge am Nachmittag (Aufnahme eines SBBlers, nachcoloriert). Der Zug besteht fast ausschliesslich aus roten Mitropa-Speisewagen, die man für den außerplanmässigen Einsatz wohl entbehren konnte. Einer der Speisewagen war für die Reisenden in Betrieb und man servierte ein kostenloses Tagesgericht lt. Karte: Judd Mat Gaardebounen. Der Koch war wohl ein Witzbold aus Luxemburg, der aber so weitsichtig war, den geräucherten Schweinenacken dieses luxemburgischen Nationalgerichts durch koscheres Rindfleisch zu ersetzen. Übrigens: Es gibt zwei Möglichkeiten, was das Wort „Judd“ in diesem Zusammenhang bedeuten kann: Bohne oder Jude. Durch die galizischen Truppen im Spanisch-NIederländischen Krieg (1568 – 1648) kam das spanische Wort Judia (Bohne) und Judio (Jude) auch nach Luxemburg. Der luxemburger Linguistiker Jean-Claude Muller vermutet, daß dieses Gericht streng genommen „Bohnen mit Gartenbohnen“ heißt, oder „…die dunkle Farbe der Bohnen erinnerte ein wenig an die dunkle Haut der spanischen Juden.“. Wie auch immer: Den Erzählungen nach schmeckte das Essen vorzüglich. Was in den anderen Zügen nach Rotterdam zum Essen serviert wurde, ist leider nicht überliefert.
Foto: Im Hafen von Rotterdam wartete die RMS Aquitania, ein von der cavembourgischen Regierung gecharterter Passagierdampfer der Cunard-Linie. Sie soll die Flüchtlinge nach Sydney, Australien bringen, wie es auf der Konferenz von Evian ausgehandelt worden war.

Anders als die Briten stufte Cavembourg seine Flüchtlinge nicht als „Enemy Aliens“ ein. Und anders als bei der Fahrt der britischen HMT Dunera, wurde niemand auf der Aquitania interniert und die Überfahrt verlief friedlich und reibungslos. In Sydney mussten die cavembourger Flüchtlinge dann aber das gleiche Schicksal erdulden, wie andere jüdische Emigranten nach ihnen. Sie kamen in das britische Internierungslager Camp Hay. Die Wachmannschaften und ihr Lagerkommandant merkten schnell, dass die jüdischen Flüchtlinge ihres Camps alles andere als kriminell waren, sondern kultivierte, zum Teil hoch ausgebildete Leute. Bald wurden die Lagerregeln gelockert und die Insassen durften ihr Lagerleben selbst verwalten und organisieren. Auch die Flüchtlinge der Dunera landeten nach ihrer entbehrungsreichen Überfahrt im September 1940 hier. Bereits im Mai 1941 entließ man alle jüdischen Flüchtlinge aus Camp Hay oder verlegte sie in offene Aufnahmelager. Einige von ihnen traten der australischen Armee bei.

Die Internierung der Aquitania und der Dunera Flüchtlingsgruppe, war ein wichtiger Meilenstein in der Kulturgeschichte Australiens. Der Einfluss dieser Gruppe auf die Kultur, die Wissenschaft und die Geschäftswelt in Australien kann gar nicht überschätzt werden. An die „Cavembourg People“ und „Dunera Boys“ erinnert man sich in der Stadt Hay heute noch gerne. Jedes Jahr wird in Hay der Dunera Day abgehalten, an dem viele überlebende Internierte an den Ort ihrer früheren Gefangenschaft zurückkehren.

Die jüdischen Wissenschaftler und Ingenieure des OVNIC-Projekts jedoch blieben im Königreich zurück.

Die Flucht der cavembourger Juden war für die Regierung nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine finanzielle Herausforderung – vor allem der Transit mit der Eisenbahn durch die Niederlande musste an die Staatsbahn der Niederlande Nederlandse Spoorwegen (NS) und auch das Königshaus Oranien-Nassau teuer bezahlt werden. Eine Schatzanweisung Siegfriedes verfügte, daß die cavembourger Banken die Kosten für Unterbringung, Versorgung und schließlich die Flucht auf die Schulden des Deutschen Reichs aufschlagen konnten. Die Forderungen Cavembourgs wurden 1959 im Rahmen eines Globalabkommens der Bundesrepublik Deutschland beglichen. 

Fortsetzung folgt: Die Deutschen kommen!

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